Im Namen des Erhabenen  
  Interview mit Dr. Ganser
 

Muslim-Markt interviewt 
Dr. Daniele Ganser, Autor der Buches: "NATO's Secret Armies: Terrorism in Western Europe"

26.7.2005

Dr. Daniel Ganser (Jahrgang 1972) ist wissenschaftlicher Assistent der Forschungsstelle für Sicherheitspolitik der ETH Zürich. Er gilt als Spezialist in den Bereichen Geostrategie und Sicherheit, Geheime Kriegsführung, Wirtschafts- und Menschrechte sowie Friedensforschung. Dr. Ganser studierte alte und neure Geschichte, Philosophie und Englisch mit dem Schwerpunkt  internationale Beziehungen. Sein Studium führte ihn über die Universität Basel und die Universität Amsterdam bis hin zur London School of Economics and Political Science (LSE).

In 1998 schloss er sein Studium mit einem Masters Degree mit Auszeichnung ab und wurde drei Jahre später zum Dr. promoviert. Dr. Ganser spricht Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch und Spanisch.

Zwischen 2001 und 2003 war Ganser verantwortlich für die internationalen Beziehungen und die politischen Analysen an der wirtschaftlichen Denkfabrik Avenir Suisse in Zürich. Er leitete die Kampagne der Denkfabrik welche dazu führte die notwendige Stimmenmehrheit im eigenen Land zu erhalten, um die Schweiz im Jahre 2002 als Vollmitglied der UN einzutragen. Er arbeitet u.a. auch in einem Expertenkomitees im Außenministerium, im Zentrum für Sicherheitsstudien und arbeitete als Autor. Dr. Ganser ist ledig.

MM: Sehr geehrter Herr Dr. Ganser, als Autor zahlreicher Bücher beschäftigen Sie sich oft mit der geheimen bzw. verdeckten Kriegsführung des CIA, einstmals im Kuba-Konflikt und heute im so genannten "Kampf gegen Terror". Ist das nicht ein gefährlicher Beruf?

Dr. Ganser: Es kommt drauf an in welchem Land man lebt. In Kolumbien zum Beispiel kann es tödlich sein, wenn man die verdeckte Kriegsführung und die Manipulation der Menschen untersucht und schriftlich aufdeckt. Aber ich lebe und arbeite in der Schweiz, hier scheint es mir nicht gefährlich.

MM: Wie kommt ein Mitarbeiter der ETH Zürich an gesicherte Informationen, denn ein wesentliches Merkmal der verdeckten und von Ihnen aufgedeckten Informationen ist doch deren geheime Charakter?

Dr. Ganser: Das ist richtig, verdeckte Kriegsführung sollte für immer geheim bleiben. Aber als Historiker weiß ich, dass alle Gedanken, Gefühle, Worte und Taten der Menschen an der einen oder anderen Stelle früher oder später Spuren hinterlassen. Diese Spuren sind für uns Quellen des Wissens, und daher sammeln wir sie. Denn selten bleibt ein Geheimnis für alle Zeiten geheim. Viele Menschen erzählen auch gerne was sie tun und wie sie die Welt sehen, manchmal Jahre nach den geheimen Aktionen, denn aus ihrer Sicht haben sie das richtige getan. Andere ändern ihre Meinung später, sind sogar entsetzt über die Folgen ihrer Taten und wollen warnen und aufdecken. All diese Quellen sammeln wir als Historiker aus Archiven, Büchern und Zeitungen. Am Ende setzen wir ein Mosaik zusammen, die Steine sind Quellen wie parlamentarische Untersuchungen, Urteile von Gerichten, Aussagen von Geheimdienstleuten und Militärs und natürlich, wenn man sie findet, Top Secret Originaldokumente auf Papier, aber die sind je nach Forschungsgegenstand schwer zu finden, manchmal aber werden sie deklassifiziert und stehen der Forschung zur Verfügung.

MM: Sie behaupten, dass die verdeckte Kriegsführung auch heute im so genannten "Kampf gegen den Terror" erfolgt. Was bedeutet das konkret für uns bei der täglichen Wahrnehmung von Terroranschlägen und der damit zusammenhängenden Angst in der Bevölkerung?

Dr. Ganser: Das bedeutet, dass wir länger nachdenken sollten bevor wir uns ein Urteil bilden, was wirklich geschehen ist. Terror bedeutet ganz einfach "große Angst". Und ein Terrorist ist einer, der große Angst verbreitet, um ein politisches Ziel zu erreichen. Heute glauben viele Menschen in Westeuropa und in den USA, dass ein Terrorist nie ein staatlicher Akteur sondern immer ein privater Akteur ist, das ist wissenschaftlich gesehen falsch, und dass er zweitens nie ein Christ sondern immer ein Muslim ist, auch das ist falsch. Dieser Glaube ist nicht bewusst und klar im Denken der Menschen, aber subtil im Unterbewusstsein eingelagert. Natürlich gab es in der Geschichte private muslimische Terroristen und natürlich gibt es sie auch heute. Aber ebenso gab es auch staatliche christliche Terroristen, und es gibt sie wohl auch heute. Über letztere sprechen wir aber nicht gerne, die meisten Menschen können daher nicht ein einziges konkretes historisches Beispiel für einen christlichen staatlichen Terroranschlag nennen. Wir sind also in unserem Denken und in unserer Wahrnehmung sehr eingeschränkt. Das ist auch normal, denn alles Sehen ist perspektivisches Sehen, und den Balken im eigenen Auge sieht man oft nicht gerne. Aber wir sollten immer wieder um einen neuen, ausgewogenen und unabhängigen Gesichtspunkt ringen. Wenn wir das nicht tun, versinken wir in der Manipulation und sind am Ende davon überzeugt, dass nur mehr Gewalt die Lösung der Probleme bringen kann, und das ist ein Irrtum. Wir befinden uns also auf heiklem Terrain und sollten wachsam sein, sonst sinken wir ein wie im Treibsand. Denn es ist richtig, heute wird fast die ganze Welt mit Angst übergossen, Terror und Krieg haben sich auf sehr tragische Weise ineinander verzahnt. Das wollen aber weder die einfachen Menschen auf der Strasse, noch wir Experten für Sicherheitspolitik. Auch jene von uns, die Kinder haben, fragen sich, was denn mit der Welt im Jahre 2060 sein wird, wenn das so weitergeht. Denn wenn wir die Terror- und Kriegsspirale mit den Massenvernichtungswaffen verbinden, kommt das nicht gut, das wissen wir alle. Die Aufgabe für das 21. Jahrhundert ist also klar: Wir müssen einen Ausweg aus der Gewaltspirale finden. Das ist eine große und spannende Herausforderung, denn wir haben uns ja alle zusammen im 20. Jahrhundert ziemlich in die Gewaltspirale verstrickt, kein anderes Jahrhundert der Geschichte hat so viele Tote gefordert. Und nun hat auch das 21. Jahrhundert mit den Terroranschlägen in New York, Bali, Istanbul, Madrid, London, Sharm El Sheik und den Kriegen in Afghanistan und Irak nicht friedlich begonnen. Wir müssen uns also anstrengen. Erst wenn die Geschwisterschaft aller Menschen zu unserem höchsten Bund wird kann Frieden kommen auf Erden. Vorher geht das gegenseitige Morden weiter, auch wenn es nicht klug ist und die große Mehrheit das nicht will.

MM: Eine Friedensforscher der Beispiele aus der Bibel bringt und gleichzeitig von "christlichem" Terrorismus spricht, ist schon eine etwas ungewöhnliche Erfahrung für uns. Müsste man nicht eher von Terroristen sprechen, die den Namen des Christentums missbrauchten, wie auch heute der Name des Islam missbraucht wird, und ist es wissenschaftlich betrachtet so schwer einer Bevölkerung solch eine differenzierte Sichtweise nahe zu bringen?

Dr. Ganser: Eigentlich ist das nicht so schwer, dies den Menschen zu erklären, denn wer ehrlich zu sich selber ist, weiß es schon. Es liegt tatsächlich ein sehr großer Missbrauch vor, wenn sich sowohl Christen wie auch Muslime und Juden beim Töten auf Gott beziehen, zumindest kann ich persönlich beim Töten oder Foltern von Menschen nichts Heiliges erkennen. Das gilt sowohl für Terroristen wie auch für Soldaten. Eine zentrale Botschaft der Bibel ist, dass man seine Feinde lieben soll, so steht es in der Bergpredigt, auch die Thora der Juden und der Koran der Muslime betonen, dass man seine Mitmenschen ehren und achten soll. Feindesliebe ist natürlich etwas vom Schwierigsten im Leben, denn dafür muss man sich selber und seine Ängste besiegen, es ist wohl viel einfacher zu hassen und zu töten. Wissenschaftlich ist das alles nichts neues, das hatten wir schon mal im Dritten Reich von Adolf Hitler. Damals haben die Christen die Juden zuerst gefürchtet, dann gehasst, dann getötet. Im Kalten Krieg hatten wir das gleiche Schauspiel mit den Kommunisten. Und heute wird das neue Feindbild der Muslime erschaffen. Das ist weder klug noch weise noch menschlich, und daher müssen auch wir Wissenschaftler Klartext sprechen. Es ist aber für die globale Sicherheitspolitik ein riesiges Problem, dass wir auch sehr viele falsche Prediger auf der Erde haben, unter den Muslimen in einigen Moscheen, unter den Christen in einigen Kirchen, und unter den Juden in einigen Synagogen. Falsche Prediger rufen zum Hass, zur Rache und zum Töten auf, jeder Mensch muss selber entscheiden, ob er eine solche Predigt für wahr und wertvoll hält. Nehmen Sie das Beispiel von Srebrenica, die Stadt in Bosnien, in welcher im Jahre 1995 ca. 8000 Muslime umgebracht wurden. Kürzlich wurden ja einige Videoaufnahmen zu diesem Verbrechen der Forschung zugänglich gemacht. Und wenn man sich diese anschaut, sieht man, dass ein christlich orthodoxer Führer, mit langem Bart und schwarzem Gewand und den echten Insignien des Glaubens, die jungen Serben vor der Tat segnet. Er ist viel älter als die jungen Männer, sie vertrauen ihm und sind überzeugt das richtige zu tun. Aber er ist ein falscher Prediger. Aber das ist nicht nur bei den Christen so, gehen sie heute oder morgen irgendwo auf der Welt in eine Moschee und fragen sie sich, ob der Prediger zu Liebe, Vergebung und Toleranz oder zu Hass und Gewalt aufruft, sie werden einige falsche Prediger finden, ich kann nicht in Zahlen genau sagen wie viele es sind, aber das Problem besteht, da ist die ganze Glaubensgemeinschaft gefordert, mutig Stellung zu beziehen, gerade die ältesten und weisesten Männer sind gefordert, auch die Frauen, sie müssen zu Mäßigung und Toleranz aufrufen, und auch die eigenen Familien. Die Polizei und die Geheimdienste mit ihren Kameras vor den Gotteshäusern sind dieser Aufgabe nicht gewachsen, wenn sich junge Männer in ihrem Herzen und ihrem Kopf entschlossen haben zu töten, dann sind sie nicht mehr zu stoppen. Wir stehen also in einem Ringen um hearts and minds, wie man das auf Englisch nennt. Wenn sich ältere Männer in christlichen Regierungen in Terror und Krieg verstricken, ist die Aufgabe aber auch nicht leichter, denn auch diese sind sehr schwer zugänglich.

MM: Wenn wir Ihre Bücher richtig verstehen, behaupten Sie letztendlich, dass westliche demokratische Systeme den Tod von unschuldige Menschen, Frauen und Kindern, selbst der eigenen Bevölkerungen in Kauf nehmen, um bestimmte politische Ziele durchzusetzen. Und das geschieht nicht nur durch das Fehlverhalten Einzelner sondern systematisch. Ist das nicht ein wenig extrem starker Tobak, und bekommen Sie für solche Behauptungen keinen Ärger?

Dr. Ganser: Ich behaupte das nicht. Die historischen Quellen und Zeugenaussagen im Bereich NATO Geheimarmeen und Strategie der Spannung belegen das, und ich habe die Belege in meinem neuen Buch zusammengetragen. Viele wissen nicht, was die Strategie der Spannung ist und wer davon profitiert. In meinem Buch kann jeder nachlesen und nachprüfen, dass man im Kalten Krieg die Kommunisten gefürchtet hat und daher Bombenanschläge inszenierte - gegen Zivilisten, Frauen und Kinder eingeschlossen, da haben Sie schon recht - um die Anschläge danach dem politischen Gegner anzulasten, also den Kommunisten in Italien zum Beispiel. Die Massen glaubten das sofort, denn sie können sich nicht vorstellen, dass der Staat, an den sie ja Steuern bezahlen und der sie beschützen sollte, sie mit einer so teuflischen Strategie selber angreifen würde. Man nennt dies die Strategie der Spannung. Erst Jahre später hat man dann zum Beispiel in Italien herausgefunden, dass nicht die Kommunisten sondern katholische Neofaschisten, welche die Kommunisten als Atheisten fürchteten, zusammen mit dem Italienischen Geheimdienst die Bomben gezündet und die Spuren vertuscht haben. Nur ganz wenige Menschen im Staatsapparat wussten zum Zeitpunkt der Tat von diesen Zusammenhängen. Aber die Quellen sind klar, der Staat ermordet manchmal seine eigenen Bürger, wir sprechen dann von Staatsterrorismus, und den gab es nicht nur unter Stalin in der UDSSR , unter Ceausescu in Rumänien oder unter Pinochet in Chile sondern eben auch in Westeuropa. Es besteht die ernsthafte Gefahr, dass einige der Terroranschläge, welche heute den Muslimen angelastet werden, von radikalen Christen inszeniert wurden, nur beweisen kann man das heute noch nicht, vielleicht aber in fünf Jahren, wir sollten sehr wachsam sein und uns nicht aufhetzen lassen.

MM: Trauen Sie das denn auch heutigen westeuropäischen Regierungen zu; der Schweizer ja wohl zumindest nicht?

Dr. Ganser: Wir hatten auf dem Boden der Schweiz in den letzten hundert Jahren keine Terrortoten, keine fremden Armeen, keine Bürgerkriege und keine Staatsstreiche. Sicherheitspolitisch gesehen ist die Schweiz also in der Tat etwas ein Sonderfall, glücklicherweise verschont von viel Leid. Von den 194 Ländern der Welt kenne ich kein anderes Land, für welches das Gleiche gilt. Aber schon unsere Nachbarn Italien, Frankreich, Deutschland und Österreich haben alle tragische Erfahrungen sowohl mit Krieg als auch mit Terror machen müssen. Die Schweiz ist also keineswegs eine Insel, sondern aufs Engste mit den internationalen Entwicklungen verknüpft und von ihnen beeinflusst, auch bedroht, denn kein Land ist heute sicher vor Terrorismus. Was ich den Westeuropäischen Regierungen von heute zutraue, spielt hier keine Rolle, als Historiker habe ich genügend Machtmissbrauch gesehen in Europa während den letzen 500 Jahren, dazu habe ich die Geheimarmeen in allen Ländern von Westeuropa in den letzen 50 Jahren untersucht. Ich mache mir hier keine Illusionen, es ist immer alles möglich. Zentral ist die Frage, ob die EU eine Kraft für den Frieden und den Ausgleich sein kann oder eben nicht. Da ihre Bewohner vielen verschiedenen Kulturen und Religionen angehören, muss sie das schaffen, sonst kann sie als Organisationsstruktur nicht für weitere 50 oder 100 Jahre bestehen, sondern muss auseinander brechen. Dann wären wir zurück bei Gewalt und Kampf, und das hatten wir schon öfters hier in Westeuropa. Ich denke es ist nun Zeit um die Erfahrung des Friedens, der Toleranz, der Mäßigung und des Ausgleiches zu machen, denn auch das ist möglich. Die Menschen haben wie immer die freie Wahl.

MM: Wenn der Normalbürger nach Lektüre Ihres Buches bestimmte Thesen vertritt gilt er gemäß der allgemeinen Presse als Verschwörungstheoretiker. Sie hingegen gelten als renommierter Wissenschaftler, sind die Grenzen zwischen seriöser Wissenschaft und "Verschwörungstheorie" denn so fließend?

Dr. Ganser: Die allgemeine Presse hat kaum mehr Zeit lange nachzudenken und zu recherchieren. Der Informationsstand und die Ausgewogenheit der Analysen lassen viel zu wünschen übrig. Natürlich gibt es auch wichtige und wertvolle Journalisten die zur Mäßigung und Toleranz aufrufen, die differenziert darlegen wie alle Menschen, und nicht nur der Feind des Tages, sich immer wieder in Gewalt verstrickt haben. Aber gerade die Bilder und die Überschriften, und das sind die schnellen Botschaften für das Unterbewusstsein der Leser, schüren immer wieder Angst und Hass. Täglich ein Bild von einem Muslim und einem Christen, die sich umarmen, zu drucken, gäbe ein anderes Signal, dazu die Überschrift "Toleranz ist möglich". Aber die Medien transportieren ja heute in erster Linie Werbung, und das ist sehr langweilig, also braucht es noch etwas Reißerisches, sonst schaltet man die Kiste ab oder legt die Zeitung weg. Die Marketingleute haben schon recht, Sex and Crime sells. Aber die Konsequenzen sind nicht ganz harmlos, denn dadurch werden die tiefsten Triebe in uns allen angesprochen, dazu gehören auch der Hass, die Angst und das Morden, was wiederum ein Problem für uns Sicherheitsexperten ergibt.
Auch beim Umgang mit dem Begriff "Verschwörung" ist die Presse ziemlich schwach auf der Brust was die Analyse angeht. Eine Verschwörung ist, wenn sich zwei oder mehr Menschen heimlich absprechen. Das ist alles. Es kann das Versprechen zwischen einem Jungen und einem Mädchen sein, sich um Mitternacht im Fluss zu treffen und ohne das Wissen ihrer Eltern vor dem Morgengrauen wieder friedlich im Bett zu liegen. Das ist für die Gesellschaft harmlos. Andere geheime Absprachen planen Mord und Totschlag. In der klassischen Blutrache zum Beispiel hat die Familie, welche ein Familienmitglied durch eine verfeindete Familie verloren hatte, sich im Geheimen zusammengesetzt und entschieden, welches Mitglied der Familie den nächsten Mord ausüben wird, um den Toten zu rächen. Auch das ist eine Verschwörung, diesmal aber nicht harmlos sondern total zerstörerisch für die Gesellschaft. Heute gibt es viele solche geheime Absprachen unter Gruppen, die das Töten planen. Jedem Terroranschlag geht eine Verschwörung voraus, also liegen auch dem 11. September 2001, den Anschlägen in Madrid, Bali, Istanbul und London Verschwörungen zu Grunde, das ist gar nicht anders möglich. Die Kernfrage ist also nicht, ob es sich um eine Verschwörung handelt oder nicht, den das ist bei Terror immer der Fall, sondern wer die Verschwörer sind, und das ist eine hoch komplizierte Sache. Wer Verschwörungstheorien, also Annahmen über die mögliche Identität der Verschwörer, von vornherein als Unsinn abtut, hat keine Ahnung von der verdeckten Kriegsführung.

MM: Ist der "Kampf gegen Terror" wissenschaftlich betrachtet überhaupt vergleichbar mit früheren Kämpfen, die sich letztendlich immer gegen einen definierten Staat oder gegen definierte Personengruppen richtete, was heutzutage nicht derart klar abgrenzbar erscheint?

Dr. Ganser: Der Krieg gegen den Terrorismus ist tatsächlich etwas Neues und sehr Merkwürdiges. Man sollte daher vielleicht eher vorsichtig vom "so genannten Krieg gegen den Terrorismus" sprechen. Denn Terrorismus ist eine Strategie, und eine Strategie kann man niemals mit Krieg besiegen. Mit Krieg kann man ein Land besetzen oder eine Menschengruppe schlagen und versklaven. Aber eine Strategie lebt im Kopf und im Herz. Sie ist letzten Endes eine Kombination von Gedanken und ein Gefühlen, und die können sie niemals mit Panzer und Flugzeugträgern oder Cruise Missiles in den Griff bekommen. Gehen sie mal zu einem Psychiater, der sich mit jugendlichen Gewalttätern beschäftigt - ich habe Freunde die das tun - und fragen sie ihn dann, ob es ihm helfen würde wenn man ihm einen Panzer in die Praxis stellen würde, er würde sie mit Unglauben anschauen oder sogar auslachen. Viele Menschen haben eine viel zu einfache Vorstellung von diesem so genannten Krieg gegen den Terrorismus. Sie glauben, dass wir auf der Welt eine gewisse Anzahl von Terroristen haben, sagen wir 100'000, dass diese Zahl fix sei, und dass wir diese bösen Terroristen nur fangen und einsperren oder töten müssen, dann sei die Welt wieder ein sicherer Ort. So in etwa wird die Lage auch in den Medien dargestellt. Aber das ist natürlich grober Unsinn. Denn erstens ist die Zahl nicht stabil und kann auch von niemandem kontrolliert werden, wir haben immer soviel Terroristen auf der Welt wie sich junge Männer - und es sind leider in erster Linie junge Männer - dazu entschließen ihre Ziele mit Gewalt und Töten zu erreichen. Sie töten 20.000 und fangen 50.000 und glauben dann die globale Anzahl hätte sich von unseren angenommenen 100.000 auf 30.000 reduziert? Unsinn! Sie müssen ja auch beachten, wie viele sich neu für diese Strategie entschieden haben. Und genau hier entsteht die spannende Dynamik: die 20.000 Toten und 50.000 Inhaftierten haben Väter, Brüder und Freunde. Umso härter sie vorgehen, umso größer wird die Gefahr, dass neue Gruppen nur noch in der Gewalt eine Lösung ihrer Situation sehen. Wir wissen die Zahlen nicht, niemand weiß sie, aber wenn wir bei 20.000 Toten und 50.000 inhaftierten Terroristen jeweils einen Bruder und einen Freund als neue Terroristen rechnen ist die Sache verloren. Terror kann man mit Gewalt nicht bekämpfen, so wenig wie man Feuer mit Sprit löschen kann. Bleiben wir doch ganz konkret: Der Angriff auf Irak hat das Terrorproblem nicht gelöst. Es ist eben wie mit dem Sprit und dem Feuer, das haben viele Experten für Sicherheitspolitik vorausgesagt: Heute gibt auch die CIA zu, dass der Irak das weltweit größte und gefährlichste Trainingslager für Terroristen ist. Dort wird der Bombenbau und der Anschlag wie auch das Kidnapping täglich geübt, danach kommen die Mudschaheddin nach Europa oder in die USA und schlagen zu, denn auch sie denken, dass Gott will, dass sie töten, ein Irrtum wie ich denke. Das dreht die Gewaltspirale weiter an. Die Christen werfen noch mehr Bomben aus Flugzeugen auf die Muslime und die Muslime tragen noch mehr Bomben in die Flugzeuge zu den Christen. Am Ende werden wir alle Verlierer sein. Man fragt mich oft, warum wir denn nicht einfach aufhören mit diesem Krieg gegen den Terrorismus, wenn er ja eh nicht funktioniert, sondern alles nur noch schlimmer macht, und warum dann nicht alle Länder ihre Truppen nach Hause bringen. Nun sehen sie, wenn es wirklich um den Terror ginge, dann könnte man das tun. Aber da bin ich mir nicht sicher. Historisch gesehen führen Länder Kriege, um ihre Macht gegenüber anderen Rivalen zu vergrößern und Ressourcen wie Erdöl zu erbeuten. Ich denke das ist heute nicht anders. Terroristen zu jagen und einzusperren war noch nie ein geostrategisches Hauptziel, das ist vielmehr eine Geschichte für das Volk. Die führenden Strategen in den USA wissen wohl, das es gar nicht funktioniert, da ihr Ziel aber ein anderes ist, nämlich den Zugang zu den Ressourcen und zur Macht, nehmen sie die Terroropfer und Kriegstoten in Kauf. Wenn das ganze Erdöl, um das global ein immer intensiverer Kampf entbrannt ist unter Australien liegen würde, wären wohl die Australier die Terroristen, und nicht die Muslime. Die Forschung nennt das Resource Curse, also Fluch der Ressourcen. Unter dem Stichwort "Peak Oil" wird zudem diskutiert, wann das global sinkende Angebot an Erdöl die dauernd steigende Nachfrage nicht mehr befriedigen könne, das ist eine ganz ernste Sache für die Industriestaaten. Es gibt Geologen die sagen, das wird in den nächsten fünf Jahren der Fall sein. Ich weiß nicht ob das stimmt. Aber zumindest sind dies die Art handfesten Überlegungen, die letztendlich die Geostrategie dominieren, während dem Volk eine ganz andere Geschichte verkauft wird. Einige sagen der so genannte Krieg gegen den Terrorismus sei nur eine Rauchwand, eine Lüge letztendlich, und dahinter verstecke sich eine Energiekrise. Wir werden sehen.

MM: Sie werden uns darin übereinstimmen, dass die allerweinigsten "Experten", die heutzutage wie Pilze aus dem Boden sprießen, sich derart klar und eindeutig öffentlich äußern, wie Sie es tun. Ärgert es Sie, dass so viele weniger informierte Menschen zu "Experten" "gemacht" werden? Und können Sie noch problemlos in die USA einreisen?

Dr. Ganser: Nein ich ärgere mich nicht. Ich glaube, jeder muss selber seine Verantwortung tragen für das was er denkt, fühlt, sagt und tut. Ich freue mich, dass es auch heute immer wieder viele Menschen gibt, die zur Besonnenheit und zur differenzierten Analyse aufrufen. Ich hoffe, dass es immer mehr werden, unter allen Religionen und Völkern. Und diese Hoffnung ist nicht völlig unbegründet, wir befinden uns Mitten in einem Umbruch, und Umbrüche haben auch immer viel mit Aufwachen zu tun. Es gibt heute viele Menschen die klar erkennen, dass wir uns global in einer Gewaltspirale von Terror und Krieg befinden, und dass uns mehr Gewalt und mehr Hass und mehr Angst nicht aus dieser Spirale hinausbringen werden, sondern vielmehr die Spirale noch weiter beschleunigen. Diese Wahrheiten sind so klar, dass sie jeder versteht der mal abends vor dem Einschlafen mit geschlossenen Augen in Ruhe darüber nachdenkt. Auch in den USA übrigens, wo ich auch gute Freunde habe, wo ich aber in den letzten Jahren nicht mehr hingeflogen bin. Ich weiß nicht, ob ich Probleme bei der Einreise hätte, kann schon sein, oder auch nicht. Viele Menschen haben heute größere Probleme als noch vor zehn Jahren. Die Umstände verändern sich dauernd, da können wir wenig machen. Zentral aber ist, wie wir selber reagieren. Die Haupteinsicht besteht darin, dass wir zwar alle anders aussehen und auch viele verschiedene Sprachen sprechen, aber trotzdem einer Geschwisterschaft angehören, eben der Geschwisterschaft der Menschen. Es wäre daher schade, wenn wir uns gegenseitig auslöschen. Natürlich werden wir immer Konflikte haben, und das ist auch gut so, aber wir sollten sie nicht mit Gewalt lösen, das gilt in den eigenen vier Wänden genau gleich wie in der internationalen Politik. Viel klüger wäre es, wenn wir Konflikte durch Kommunikation lösen und uns mit unseren Emotionen, vor allem mit unserem Hass und unserer Angst, auseinandersetzen. Das ist schwierig, keine Frage, aber da liegt auch ein riesiger Profit für uns selber verborgen, wir können wachsen, jeder für sich und auf seine Weise. Man kann auch andere in diesem Prozess unterstützen. Oder einem alten Feind, das kann auch der Nachbar sein, verzeihen oder sogar ein kleines Geschenk machen. Wir bekommen jeden Tag tausende von Gelegenheiten zum üben, heute mehr denn je.

MM: Was kann den die Friedensforschung dem muslimischen Bürger in Westeuropa für einen Ratschlag geben, einerseits die Situation zu bewältigen helfen und andererseits seinen Glauben nicht aufzugeben?

Dr. Ganser: Ich rate den Christen und den Muslimen in Europa Feindesliebe, dadurch werden beide zum Kern ihres Glaubens vorstoßen können, und das ist ein Gewinn für jeden Persönlich. Zudem rate ich ihnen vor allem, die jungen Männer auf die Werte der Toleranz und Menschlichkeit hinzuweisen, wenn der Hinweis von jungen schönen Frauen oder alten weisen Männern kommt, wird er bei den junge Männern besonders stark wirken. Ansonsten sollte einfach jeder seine Gefühle beobachten, und zwar ganz genau, um zu erkennen, wann und wo Hass oder Angst in ihm aufflammen, das sind die wirklichen Krisenherde der Erde, und an denen sollte jeder arbeiten. Das ist natürlich nicht einfach, gerade wenn man dies nicht gewohnt ist, aber es ist für jeden eine Chance zum persönlichen Wachstum, und wer will das nicht. Der Dalai Lama, der Führer der Buddhisten, hat einmal gesagt, dass tief in ihrem Herzen die Menschen einander mögen. Ich glaube da hat er recht.

MM: Und was können Sie als wissenschaftlicher Friedensforscher in der heutigen Situation zur Friedensbildung beitragen, wenn doch viele Ihrer bedeutsamen Erkenntnisse keinen Widerhall in der Main-Stream-Presse finden?

Dr. Ganser: Meine Person spielt keine Rolle. Wer sich heute informieren und entwickeln will, bekommt tausend verschiedene Impulse dazu. Letzten Endes ist es auch für das Universum egal, ob wir Menschen uns und die Erde zerstören, das Universum ist als solches nicht zerstörbar, es ist riesig, und die Menge an Energie bleibt konstant, man kann sie weder erschaffen noch zerstören, nur umwandeln. Wir stehen mal wieder in einem starken Umwandlungsprozess, das merkt ja jeder, und die Zukunft ist weit und offen, eine alte Welt aus Krieg und Terror, und eine neue Welt aus Menschlichkeit und Harmonie stehen sich als Vision gegenüber. Man wird sehen zu welcher Vision wir uns durchringen werden. Wir leben hier ja nur auf einem kleinen Planeten, einem sehr schönen zwar, aber wir sollten bescheiden bleiben, wir können ja nicht einmal zum Mars fliegen oder unser Sonnensystem verlassen, dabei gibt es in unserer Galaxie Milchstrasse tausende von Sonnensystemen, und im Universum wiederum Millionen von Galaxien. Da steht uns einfach der Verstand still, das ist alles viel zu groß, um es zu verstehen, auch für uns Wissenschaftler. Wer seine Ängste und seinen Hass beruhigen will, dem empfehle ich den Fernseher abzuschalten, in einer Wiese zu liegen und nachts den Sternenhimmel zu betrachten und nachzudenken.

MM: Klingt nach Gedanken eines gottesehrfürchtigen Menschen. Hat denn Gott in der Friedensforschung einen Platz?

Dr. Ganser: Jeder der genau hinschaut sieht, dass die Krieger auf allen Seiten sich heute auf Gott berufen, das gibt ihnen die Kraft, ein Eid auf Öl und Beute wäre viel schwächer. Die Mudschaheddin schwören auf Allah, bevor sie unter Zivilisten ihre Bombe zünden, Präsident Bush betet mit seinem ganzen Kabinett zu Jesus Christus, bevor er Wohnhäuser bombardiert, und auch die Juden, die im dauernden Konflikt mit den Palästinensern stehen, beziehen sich im Kern ihres Identitätsgedankens auf Gott. Christen und Muslime zusammen machen heute mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung aus, also über drei Milliarden. Es ist daher ganz klar, dass der Bezug von uns Menschen zu Gott eine zentrale Rolle, ja vielleicht sogar die zentrale Rolle, in den laufenden Gewaltkonflikten spielt, und die Friedensforschung muss daher über diese Rolle von Gott sprechen. Das ist natürlich für die westliche Wissenschaft nicht ganz einfach, da haben sie schon Recht, denn sie ist ja seit der Aufklärung in erster Linie eine säkulare Wahrheitssuche, viele Wissenschaftler sind auch Atheisten. Daher wird in der Tat in der westlich dominierten internationalen Forschung zur internationalen Politik noch nicht so viel über Gott gesprochen. Man redet etwas um den heißen Brei herum. Aber das wäre gar nicht nötig, denn auch der Deutsche Philosoph Immanuel Kant, der Vater der Aufklärung, hat die Frage nach Gott zu den zentralen Fragen der Philosophie gezählt, im Kern der Aufklärung war diese Frage daher niemals ausgeschlossen. Es ist unsinnig die Frage nach Gott den Fanatikern und Fundamentalisten zu überlassen. Jeder muss da seinen eigenen Weg finden. Aber heute ist es notwendig, falsche Prediger klipp und klar zu entlarven. Wenn einer zu Hass und Totschlag aufruft, hat er keinen privilegierten Draht zu Gott sondern ist verwirrt, in was für einem schönen Gebäude er auch stehe, und in welch schönen Gewändern er auch rede. Das wissen wir intuitiv. Ich denke wir sollten daher Ehrfurcht vor dem Leben haben, so steht es in den Menschenrechten, so steht es im nationalen und internationalen Recht, und so steht es in allen heiligen Schriften. Man hat Mahatma Gandhi mal gefragt, welches denn der Weg zum Frieden sei. Darauf hat er geantwortet: "Es gibt keinen Weg zum Frieden. Der Friede ist der Weg." Ich glaube das ist sehr weise.

MM: Herr Dr. Ganser, wir danken Ihnen für das Interview.

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