Im Namen des Erhabenen  
  Interview mit Tina Slawinski-H.
 

Muslim-Markt interviewt
Tina Zeynab Slawinski-Hussain - Vorstandsmitglied Schura Bremen und Mitbegründerin des Islamischen Hochschulbundes Bremen
4.7.2013

Tina (Zeynab) Slawinski-Hussain wurde 1989 in Bremen als Tochter polnischer Eltern geboren. Sie besuchte zunächst die Realschule und machte anschließend das Abitur in Bremen. Sie studiert gegenwärtig Germanistik und Politik für das Lehramt an Gymnasien und wurde 2013 gemeinsam mit Esra Cakmakli als erstes weibliches Vorstandsmitglied in die Schura Bremen gewählt. Außerdem gehört sie zu den Grünungsmitgliedern des Islamischen Hochschulbundes Bremen (IHB).

Mit siebzehn Jahren ist sie vom Katholizismus zum Islam konvertiert, seit dem 13. Juli 2011 trägt sie das Kopftuch. In ihrer Jugend spielte sie erfolgreich Fußball und wurde sogar in die Damenauswahl des DFBs aufgenommen. Der Muslim-Markt ist auf sie aufmerksam geworden, als sie bei einem Grillfest den Ball der Jugendlichen jonglierte.

Tina Zeynab Slawinski ist verheiratet, Mutter eines Kindes und lebt im Großraum Bremen.

MM: Sehr geehrte Schwester im Islam Tina Zeynab, wir fangen mit der Frage an, die Sie wohl am häufigsten beantworten müssen. Wie findet eine 17-jährige Katholikin zum Islam?

Slawinski-Hussain: Ich habe mich bereits früh für meine Religion (damals die christliche) interessiert. Im Alter von zwölf Jahren habe ich durch eine muslimische Klassenkameradin die Gemeinsamkeiten beider himmlischen Religionen erkannt, doch war Jesus (a.) für mich zu jenem Zeitpunkt, der letzte für mich greifbare Prophet. Während der intensiven Auseinandersetzung mit meinem Glauben, die sicherlich in meinen polnischen Wurzeln begründet liegt, habe ich während des Abiturs Alt-Hebräisch bei einem Pastor gelernt. Beim Übersetzen der Bibel und der privaten Lektüre des Qu'ran habe ich mich immer mehr zur Sprache und zur Beziehung Allahs zu den Menschen angezogen gefühlt. Innerlich hat mich dies aber sehr verwirrt, denn ich hatte Gott gegenüber zwar keine Bedenken, denn dieser war der Selbe, dem ich durch den Qu'ran lediglich noch näher gekommen bin.

MM: Sie hatten doch schon vorher eine Beziehung zu Jesus und Maria ...

Slawinski-Hussain: Ja das stimmt. Allerdings musste ich meinen Glauben an Jesus (a.) überdenken und habe mich dann mit dem Siegel aller Propheten Muhammad (s.) auseinandergesetzt. Doch trotz der intensiven Auseinandersetzung mit dieser mich damals bereits faszinierenden Person konnte ich keinen emotionalen, persönlichen Zugang zu ihm erlangen. Durch einen schiitischen Klassenkameraden habe ich dann die Geschichte von Imam Husain (a.) und seiner tapferen Schwester Zeynab (a.) gehört, welche mich so gerührt und bewegt hatte, so dass ich wissen wollte, wer dieser Imam Husain (a.) war, und anschließend wer die weiteren Mitglieder der Prophetenfamilie Ahl-ul-Bait (a.) waren. Diese vortrefflichen, gottesfürchtigen, reinen und gerechten Menschen haben mir durch ihre Liebe zum Propheten (s.) eben diese Liebe vorgelebt. Es dauerte keine zwei Tage, und einen aufrüttelnden Traum, nachdem ich die Geschichte Imam Husains (a.) in Kerbela hörte, bis ich das Gebet erlernt hatte und das islamische Glaubensbekenntnis gesprochen habe.

MM: Wie haben ihre Verwandten und Freude reagiert?

Slawinski-Hussain: In der heutigen Zeit, in der der Islam durch die Medien mehr als nur verteufelt wird, ist es nicht verwunderlich, dass meine Familie und Freunde mit meinem Übertritt zum Islam durchaus ihre Probleme hatten. Dabei spielten aber auch kulturelle bzw. traditionelle Sichtweisen eine immense Rolle. Dennoch kann ich heute nach nunmehr sieben Jahren als Muslima sagen, dass zumindest meine engere Familie mich unterstützt und hinter mir steht. Sicherlich gibt es immer noch Missverständnisse oder auch Unverständnis für die einen oder anderen Sachen, doch haben sie sich mittlerweile an meine Entscheidung gewöhnen müssen. Durch meine Entscheidung das Kopftuch zu tragen, haben sich dann zunächst die Probleme in meinem Umfeld wieder verschärft, doch mit der Zeit haben auch diese sich zum größten Teil gelegt. Was meinen Freundeskreis anbelangt, muss ich sagen, dass viele meine Entscheidung damals nicht verstanden und den Kontakt zu mir abgebrochen haben. Ganze zwei Freundschaften sind aus dieser Zeit geblieben, dennoch bin ich sehr dankbar, wie sich mein Leben seither entwickelt hat. Heute bin ich gesegnet mit Freunden und Geschwistern, die mich auf meinem Weg unterstützen und meine Entscheidungen mittragen und mich so nehmen wie ich bin.

MM: Einmal abgesehen von den religiösen Motiven, stellt es nicht eine unglaubliche Umstellung für eine Jugenddamensauswahlspielerin im Fußball dar, mit allen diesen Dingen zu brechen? Was würden Sie Mädchen in ähnlichen Situationen mit ähnlichen Konflikten empfehlen?

Slawinski-Hussain: Ich habe bereits vor meiner ‚Konvertierung‘ zum Islam aufgehört Fußball zu spielen. Zum einen waren es körperliche Gründe, die mich dazu bewegten mich aus dem Leistungssport zurückzuziehen, zum anderen lag es daran, dass ich nur bei der Auswahl in einer Frauenmannschaft gespielt hatte, doch im Verein eine Sondergenehmigung von DFB hatte, die mir erlaubte, zwei Jahre länger mit den Jungen in der C-Jugend zu spielen. Diese Tatsache führte immer mehr dazu, dass ich mich unter den heranwachsenden Männern während des körperlichen Duells zunehmend unwohl gefühlt habe, was zu der Entscheidung führte mit dem Fußball aufzuhören.

MM: Und wie stehen sie heute zu Damenfußball?

Slawinski-Hussain: Es ist noch nicht allzu lange her, dass die iranischen Frauenfußballmannschaft wegen des Tragens des Hidschabs aus dem Wettbewerb disqualifiziert wurde, doch mittlerweile erlaubt die FIFA das Tragen des Hidschabs und auch die Iranische Mannschaft ist wieder bei den Wettbewerben zugelassen. Und von einer Freundin weiß ich, dass sie als junges Mädchen liebend gern Fußball spielen wollte, doch dass sie wegen ihres Kopftuches nur im Tor stehen durfte, was sie sehr deprimierte. Meines Erachtens nach ist der Rahmen, in dem Fußball stattfindet, zum Teil nur schwer mit den islamischen Moralvorstellungen zu vereinbaren. Trinkgelage und eine aggressive Stimmung während und nach den Spielen sind nicht nur Phänomene im Männersport. Deshalb wäre es doch mal eine Idee, eine muslimische Frauen-Fußballmannschaft zu gründen. Sportlicher Erfolg und auch der Mannschaftsgeist sind so wichtige Erfahrungen, die ich machen konnte, die mir bis heute noch bei Gruppenarbeiten oder auch Arbeiten im Vorstand helfen. Wenn der Rahmen also nicht passen sollte, dann muss man sich selber einen geeigneten Rahmen schaffen und nicht kleinbei geben.

MM: Wie kam es zu der Gründung des Islamischen Hochschulbundes Bremen (IHB)?

Slawinski-Hussain: Der IHB ist aus der Not entstanden. Wir Frauen haben an der Uni Bremen das große Glück den Frauenraum als Raum für das tägliche Gebet und Rückzugsort nutzen zu können. Den Männern hingegen blieb für das Verrichten der Pflichtgebete ein kahles, dreckiges und kaltes Treppenhaus im vierten Stock eines Gebäudes der Uni. Nicht nur das dies kein geeigneter Ort ist, um sich Allah zu nähern, es wurden ihnen auch mehrmals die Gebetsteppiche entwendet. Im Winter war es eiskalt und bei Dunkelheit ging das Licht nach wenigen Minuten aus. Anfragen beim Rektor der Uni von Einzelpersonen haben nichts genützt, sodass sich anfangs eine handvoll Muslime dazu entschlossen hatten, Unterschriften zu sammeln. So kamen immer mehr Geschwister zusammen, die gemeinsam diese Situation ändern wollten. Zum Wintersemester 2012/2013 wurde schließlich in Kooperation mit den christlichen Hochschulgruppen und dem International Office der „Raum der Stille“ in einem der Hauptgebäude der Uni Bremen eröffnet, der nun, liebevoll gestaltet, die Möglichkeit bietet sein Gebet zu verrichten.

MM: Welche Aufgaben haben Sie in der Schura Bremen?

Slawinski-Hussain: Die Schura Bremen vertritt die Belange der Muslime im Lande Bremen. Ich persönlich möchte vor allem die Belange der muslimischen Frauen klären. Außerdem beschäftige ich mich mit den Bereichen Bildung, Soziales und Jugend. So suchen wir bei Problemen in den Schulen den direkten Kontakt zu den Senatoren und deren Vertretern. In dem Bereich Öffentlichkeit übernehme ich organisatorische Aufgaben und bereite gemeinsam mit meinen Kollegen Veranstaltungen etc. vor.

MM: Beruflich bereiten Sie sich auf eine Lehrtätigkeit vor. Glauben Sie denn, dass Sie in Deutschland mit Kopftuch lehren werden dürfen?

Slawinski-Hussain: Ich hoffe es inständig.

MM: Und was ist, wenn Deutschland diesbezüglich weiterhin stur bleibt?

Slawinski-Hussain: Dann müssen wie Alternativen schaffen oder Alternativen finden. In Österreich ist es ohne Probleme möglich als Lehrerin, gar als Dozentin an der Uni das Kopftuch zu tragen, weshalb sollte es hier nicht auch möglich sein? Beide Gesellschaften sind sich sehr ähnlich und alle Bedenken, die in Deutschland diesbezüglich herrschen, werden dort widerlegt. Zudem gibt es in Österreich auch islamisch geprägte Schulen, von denen eine sogar Interesse an einer Zusammenarbeit mit mir gezeigt hat. Dennoch bin ich der Meinung, dass wir hier in Deutschland alles versuchen sollten, um Frauen mit Kopftuch das Lehren zu ermöglichen (in einigen Bundesländern ist dies ja durchaus möglich). Es gibt so viele intelligente, motivierte junge Frauen mit Kopftuch, die wie ich auf Lehramt studieren. Wir sind Teil dieser Gesellschaft und möchten dieser Gesellschaft etwas zurückgeben. Will dieser Staat wirklich gut ausgebildete Akademikerinnen verlieren und diese entweder unterdrücken oder dazu drängen auszuwandern? Und ohne Zweifel brauch diese Gesellschaft uns mehr denn je.

MM: So ganz nebenbei sind sie auch Mutter. Wie bekommen sie es hin, dass sie neben dem Studium und den vielen islamischen Aktivitäten auch noch ein Kind erziehen, bzw. worauf ist Ihrer Meinung dabei zu achten?

Slawinski-Hussain: Ich würde sagen, ich bin vor allem Mutter! Ein Kind haben zu dürfen, es aufwachsen zu sehen und zu versuchen es zu einem gerechten und selbstbestimmten Menschen zu erziehen ist eine Lebensaufgabe, in die man erstmal hineinwachsen muss. Daneben bin ich aber noch so vieles andere, und genau das ist wichtig, denn eine Frau ist so vieles mehr. Sie ist Vorbild, Unterstützerin, Ehefrau, Mutter, Tochter, Managerin usw.

Es ist nicht immer einfach alles unter einen Hut zu bekommen, da bedarf es viel Organisationsgeschick und Arbeitsteilung. Ich habe Gott sei Dank einen ebenso aktiven Mann, der mich zu all meinen Aktivitäten ermutigt und mich in jeglicher Hinsicht unterstützt. Gemeinsam legen wir unsere Zeitpläne so, dass unser Kind immer von einem von uns versorgt wird. Außerdem mache ich all das, was ich tue, auch im Hinblick auf mein Kind. Ich will ihr ermöglichen, dass sie in einer gesunden Gesellschaft leben kann, in der sie aktiv mitwirken kann.

MM: Schwester Tina Zeynab, wir danken für das Interview.

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