Im Namen des Erhabenen  
  Interview mit Kurban Tanis
 

Muslim-Markt interviewt
Dr. Kurban Tanis - Arzt und Ländersekretär der IGS für NRW
2.10.2104

Dr. Kurban Tanis (gesprochen Tanisch), Jahrgang 1980, ist in Berlin-Wedding geboren. Seine Eltern wanderten gegen Ende der 70er Jahre aus Ostanatolien nach Deutschland aus. Schule (Lessing Gymnasium), anschließendes Studium der Humanmedizin sowie Promotion (an der Charité) erfolgten ebenfalls in Berlin, wie es sich für einen waschechten Berliner gehört.

Nach der Heirat 2007 ist er ins Ruhrgebiet gezogen und hat seine Anerkennung als Facharzt für Innere Medizin 2013 erhalten. Er arbeitet zurzeit in einer Klinik für Kardiologie in NRW.

Bereits in Berlin, wo er regelmäßig die Imam Cafer Sadik Moschee besucht hat, war er während seines Studiums im Bereich islamische Jugendarbeit in deutscher Sprache tätig, wobei er frühzeitig mit Blick in die Zukunft großen Wert auf Deutschsprachigkeit gelegt hat.

In NRW fand er innerhalb kurzer Zeit Gleichgesinnte mit denen er eine erste deutschsprachige Aschura–Gedenkveranstaltung in Bochum unter dem Namen Aschura AG NRW mitorganisiert hat. Seitdem finden jährlich wiederkehrend deutschsprachige Veranstaltungen zu den wichtigen Ereignissen von Aschura und Imam Hussain (a.) statt. Seit 2013 wurden die Aktivitäten ergänzt durch eine neue, ebenfalls jährlich stattfindende Veranstaltungsreihe unter dem Motto Mahdawiyyah. Seit Mai 2014 ist Dr. Tanis der Ländersekretär der IGS (Islamische Gemeinschaft der Schiiten in Deutschland) für NRW.

Dr. Kurban Tanis ist verheiratet, hat einen Sohn und lebt im Ruhgebiet.

MM: Sehr geehrter Herr Dr. Tanis, in NRW gab es erste Ansätze für Trauerveranstaltungen zu Aschura in deutscher Sprache. Seit Anfang Ihrer islamischen Aktivitäten legen Sie großen Wert auf Deutschsprachigkeit, obwohl sie ihre Muttersprache Türkisch genauso gut beherrschen. Warum fördern Sie die Deutschsprachigkeit?

Dr. Kurban Tanis: Man kann hierzu mehrere Gründe aufzählen, warum die deutsche Sprache wichtig und für die Zukunft auch unumgänglich ist. Es hat einfach viele Vorteile die Aktivitäten auf Deutsch abzuhalten. Neben der Tatsache, dass hierdurch schlagartig das Publikum und die Zielgruppe um ein Mehrfaches erhöht werden, bringt die deutsche Sprache auch andere, nicht-muslimische Interessenten zu den Veranstaltungen. Diese können die Inhalte und die Gedankengänge besser verstehen. Zum anderen zeigt auch die Erfahrung, dass die Generation, die mittlerweile in Deutschland geboren und aufgewachsen und hier zur Schule gegangen sind, mit der deutschen Sprache sehr viel besser umgehen können. Sie sprechen es deutlich besser als Ihre zweite Muttersprache und haben größtenteils ein sehr viel größeres Vokabular und damit mehr Möglichkeiten sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Die Sprache sollte in unserer gegenwärtigen Zeit kein Hindernis für den Umgang mit der Religion sein. In deutschsprachigen Veranstaltungen sieht man auch Jugendliche aus zahlreichen anderen Ländern mit den gleichen Interessen, was die Muslime auch besser zusammen schweißt.

MM: Und wie ist die Wirkung der deutschen Sprache gegenüber Nichtmuslimen?

Dr. Kurban Tanis: Durch die deutsche Sprache bewahrt man zudem eine gewisse Transparenz für die deutsche Gesellschaft, da sie so einen einfacheren Zugang zu den Muslimen finden können. Ein nicht unerheblicher Anteil von Vorurteilen wird hiermit automatisch abgebaut.

MM: Gibt es denn hinreichend Material für deutsche Trauerveranstaltungen?

Dr. Kurban Tanis: Uns ist es sehr wichtig, dass wir versuchen alles, wirklich alles in deutscher Sprache abzuhalten, was sehr viele Vorteile mit sich bringt, selbst bei Aschura-Trauerveranstaltungen. Natürlich stecken viele Elemente der traditionellen Trauerveranstaltungen noch in den Kinderschuhen. Es gibt aber mittlerweile sehr engagierte und talentierte Geschwister, welche diese Elemente ins Deutsche überführen. Zugegeben klingt das nicht selten für denjenigen, der es aus der arabisch/persisch/ türkischen Sprache kennt etwas gewöhnungsbedürftig. Jegliche Pionierarbeit hat es aber bekanntermaßen anfangs schwer. Wir wollen damit einen Beitrag dafür leisten, dass eine deutschsprachige Islamkultur etabliert wird.

MM: Bisher versuchen aktive Geschwister bestehende Texte und Melodien ins Deutsche zu übertragen. Können Sie sich vorstellen, dass im Laufe der Zeit völlig eigenständige "deutsche" bzw. europäische Stilelemente bei Text und Melodie prägend sein werden, wie wir ja z.B. in Afrika auch afrikanische Elemente beobachten, die sich von orientalischen Elementen unterschieden?

Dr. Kurban Tanis: Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Das Übertragen und Übersetzen gelingt nur teilweise, da die poetischen Elemente und Ausdrucksweisen sehr kulturbezogen sind. Zukünftig wird es aber sicherlich Texte geben, die aus der Mitte der deutschen Sprache entstehen werden und zum Teil auch entstanden sind. Es gibt da wirklich wunderschöne Ansätze. Das Land der Dichter und Denker bringt mittlerweile auch starke deutsch-muslimische Dichter zum Vorschein.

MM: Bereits zwei Mal haben Sie eine professionell organisierte eintägige Mahdawiyya-Tagung in Bochum durchgeführt. Wie kam es zu der Idee des Rahmenthemas?

Dr. Kurban Tanis: Wir haben als Aschura AG NRW seit 2009 im Raum NRW- speziell Ruhrgebiet - angefangen mit den ersten deutschsprachigen Aschura Veranstaltungen. Da dieses Ereignis eine besonders wichtige Rolle im schiitischen Islam darstellt. Die andere wichtige Überzeugung ruht auf dem Glauben an einen Erlöser, Imam Mahdi (möge Gott sein Erscheinen beschleunigen und erleichtern). Interessant ist hierbei, dass der Glaube an einen Erlöser gar nicht mal so ein spezifisch schiitischer Glaube ist. Sie geht über konfessionelle Unterschiede, sogar jeglichen Grenzen zu den anderen Religionen, gar anderen Weltanschauungen und Ideologien hinaus. Nahezu alle bekannten Glaubensformen haben einen Erlösergedanken. Und genau hier liegt eine Thematik, womit man nicht nur die eigenen schiitischen Glaubensgeschwister erreichen kann, sondern Tür und Tor öffnet für nahezu jeden interessierten Mitmenschen.

MM: Bei der letzten Tagung haben Sie neue Elemente wie Posterwettbewerb, Kurzvortragwettbewerb und Filme in die Tagung einfließen lassen. Wie kam das insbesondere bei den Jugendlichen an?

Dr. Kurban Tanis: Die Idee war hierbei, dass man dem Publikum eine Möglichkeit geben wollte, sich aktiv an dem Programm zu beteiligen. Es sollte keine Frontal-Veranstaltung werden. Eine gute Veranstaltung, ein gutes Rahmenprogramm lebt von dem interaktiven Miteinander. Das war beabsichtigt und ich denke, dass es zu Teilen vom Publikum gut angenommen wurde.

MM: Seit einigen Monaten sind sie Ländervertreter der IGS (Islamische Gemeinschaft der Schiiten in Deutschland) in NRW. Worin liegt der Schwerpunkt Ihrer Aufgaben?

Dr. Kurban Tanis: Diese Aufgabe ist wirklich eine sehr schwierige und dennoch umso wichtige Aufgabe. Vereinfacht kann man die Aufgabenbereiche in zwei Hauptbereiche unterteilen. Der eine Bereich ist nach innen gerichtet, d.h. den schiitischen Gemeinden in NRW gewandt. Es soll hierbei besonderes Augenmerk auf die Vernetzung, Koordinierung der Gemeindeaktivitäten gelegt werden. Zudem versuchen wir bei Problemen der Gemeinden eine Hilfestellung zu geben in Form von Beratung, Logistik u.ä. Zum anderen wird durch die IGS bundes- und landesweit der Gesellschaft und Politik ein offizieller, kompetenter Ansprechpartner gestellt, die die Interessen der schiitischen Muslime vertritt. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Schia die zweitgrößte Konfession im Islam darstellt. Wir haben einen riesigen Berg Arbeit vor uns, welchen wir nur gemeinsam bewältigen können. Selbstverständlich wünscht sich jeder Beteiligte, dass man sehr viel früher hiermit begonnen hätte. Das bringt jedoch aktuell nichts. Nun haben Vorreiter dankenswerterweise damit in Form der IGS angefangen und man versucht seinen Beitrag hierzu zu leisten.

MM: Wie schafft es ein im täglichen Einsatz befindlicher Arzt und gleichzeitig Familienvater alle diese Aktivitäten unter einen Hut zu bringen? Was raten Sie diesbezüglich der Jugend?

Dr. Kurban Tanis: Ich würde wahrscheinlich die Unwahrheit sprechen, wenn ich sage, dass alles ganz einfach und unproblematisch sei. Wichtig ist aber, dass man seine Aufgaben mit Freude und Überzeugung erledigt. Was mir sehr geholfen hat ist, dass ich stets versuche meinen Glauben eben nicht separat von meinen Alltag zu sehen. Glaube, Frömmigkeit und Gottesdienst sollte nicht nur auf einen Ort, eine bestimmte Zeit beschränkt sein. Selbst kleinste Tätigkeiten können hierdurch einen ganzen anderen Sinn bekommen. Auf die Absicht kommt es an. Jeder sollte versuchen seiner individuellen Verantwortung in der Familie, Gemeinde und Gesellschaft bewusst zu werden und dem nachzukommen. Wer in einer besseren Gemeinschaft und Gesellschaft leben möchte, sollte versuchen konstruktiv daran zu arbeiten.

MM: Erlauben Sie auch eine Frage zu Ihrem Beruf. Gibt es im medizinischen Bereich spezielle Krankheitsbilder, die bei Muslimen auftreten, und warum?

Dr. Kurban Tanis: Eine wirklich spezielle Krankheit, die nur die Muslime betreffen, gibt es natürlich nicht - auch wenn einige selbsternannte Experten aus fachfremden Kreisen sich anmaßen, Kommentare hierzu abzugeben. Jedoch fallen so im Berufsalltag einige Verhaltensformen mit dem Umgang der Krankheit und der Therapie auf.

MM: Was zum Beispiel?

Dr. Kurban Tanis: Oftmals sehen wir große Probleme im Bereich der Primärprävention von Erkrankungen, also der vorbeugenden Phase, wo noch keine spezifische Erkrankung aufgetreten ist, das Risiko aber hierfür sehr hoch ist. Eine ganz besonders problematische Entwicklung stellt das sog. Metabolische Syndrom dar. Ein Syndrom als Ausgangspunkt für viele gefährliche Erkrankungen. Das Metabolische Syndrom, auch als Wohlstands-Syndrom bekannt, beinhaltet eine Reihe von Risikofaktoren: Bluthochdruck, Übergewicht, gestörter Zuckerstoffwechsel bis hin zum Diabetes mellitus, erhöhte Blutfette (insbesondere Cholesterin) usw. Das sind alles zum Teil Erkrankungen mit teils sehr ernsten Folgen wie das Auftreten von Arteriosklerose, Herzinfarkten, Schlaganfällen, der sog. Schaufensterkrankheit als Ausdruck einer Durchblutungsstörung der Beine usw. Das alles kann durch ganz einfache Maßnahmen größtenteils verhindert werden. Viel Bewegung sowie eine ausgewogene Ernährung sind hierbei essentiell. Ein anderes Problem stellt die konsequente Durchführung und Einhalten von Therapien bei chronischen Erkrankungen dar. Hier fällt mir neben dem Bluthochdruck der Diabetes mellitus ein. Beide Erkrankungen sind gute Beispiele, welche eine strikte Disziplin erfordern. Durch eine konsequente Therapie kann die Erkrankungen teils geheilt oder zumindest Folgeschäden hierdurch verhindert werden. Den Muslimen sollte eine konsequente Disziplin nicht allzu fremd sein, wenn man sich die täglichen rituellen Gebete oder das Fasten im heiligen Monat Ramadan betrachtet.

MM: Herr Dr. Tanis, wir danken für das Interview.

Dr. Kurban Tanis: Ich habe zu danken!

Senden Sie e-Mails mit Fragen oder Kommentaren zu dieser Website an: info@muslim-markt.de 
Copyright © seit 1999 Muslim-Markt